Ein Plädoyer für unauffälliges Deutsch.

Mit den Tücken der Rechtschreibung tun wir uns alle schwer. Wie kommt ein fehlerfreier Text überhaupt zustande? Toni Wenger, Korrektor bei Linkgroup, geht dieser Frage im folgenden Interview nach

Seit einigen Jahren arbeitest du als Korrektor bei Linkgroup. Was hat die schreibende Zunft früher besser gemacht?

Die Frage ist falsch gestellt. Leute, die gut und korrekt schreiben, hat es schon immer gegeben, und sie tun es auch heute noch. Die Frage sollte eher lauten: Wie wird heute im Vergleich zu «früher» geschrieben? Grundlegend haben sich die Inhalte und das Zielpublikum verändert. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass heutzutage mehr und flotter geschrieben wird. Tendenziell hat eine «Boulevardisierung» der Sprache stattgefunden, die auf Effekte statt auf Substanzielles hinzielt.

Welches sind die ärgerlichsten Fehler, denen du bei deiner Arbeit als Korrektor begegnest?

Es sind oft die «orthografischen Sandflöhe», die einem das Leben vermiesen – und deren Langlebigkeit. Anhäufungen ebendieser Flüchtigkeits- und Tippfehler sind für Korrektorinnen und Korrektoren ein Graus und oft ein Grund loszuheulen. Doch wir haben uns trotz allem daran gewöhnen müssen, mit der Unvollkommenheit anderer zu leben und zerstreuten Autoren nicht sofort logopädische Massnahmen anzuwünschen. Mit unserem Spezialwissen, das oft zwanghafte Züge annehmen kann, leiten wir in falsche Richtung Wachsendes um oder amputieren Wucherndes kurzerhand. Die Tätigkeit einer Korrektorin oder eines Korrektors ist extrem einsam, sie arbeiten im Off, sind im Grunde genommen orthografische Putzleute. Saftige grammatikalische Dispute retten ihnen den Tag, träfe Beweisführungen: himmlisch! Lob ist rar, Perfektion Voraussetzung, Aussetzer unerwünscht, doch sie machen uns – welch ein Trost! – wieder zu Menschen.

Die Rechtschreibereform von 1996 verunsichert bis heute, weil verschiedenste Schreibweisen zugelassen sind. Woran orientiert sich die Korrektorin oder der Korrektor?

Ein Quentchen Zweifel gehört zum Berufserfolg. Um im Dschungel dieser Reform das richtig (einzig) Mögliche auszuloten, haben wir allerhand Bücher, die uns das Leben erleichtern und die Einheitlichkeit fördern sollen. Doch hat auch Konsistenz seine Tücken, besonders dann, wenn zwei Korrektoren und mehr den gleichen Brei rühren. Da hilft das «Vademecum», der Leitfaden der «NZZ», der oft ebenso (oder anders) hilfreich ist als der Duden, der allzu schnell alles Mögliche und Unmögliche zwischen seine gelben Buchdeckel aufnimmt, sich jedoch bei grammatikalischer «Seenot» immer wieder mal in Schweigen hüllt.

Bastian Sicks Ratgeber durch den Irrgarten der deutschen Sprache «Der Genitiv ist dem Dativ sein Tod» ist beinahe ein Bestseller. Was hältst du von diesem Buch? Ist es ratsam, es durchzuackern? Und warum?

Unter uns gesagt: Ich habe das Buch nicht ganz durchgelesen. Das Werk wurde ja nicht für Fachleute geschrieben. Doch würde ich allen empfehlen, es zumindest durchzustöbern. Es ist doch immer wieder spannend, etwas über den Tellerrand hinaus zu lernen.

PS: Dieses Interview ist absichtlich derart locker übernommen worden. Nach einem soliden Korrektorat könnte es gaaanz anders daherkommen, doch in diesem Fall wurde der O-Ton beibehalten.

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